Die Dramaturgie auf der Couch

Ist der Job des Dramaturgen existentiell, existentiell wichtig oder doch eher existentialistisch?

Wenn Chefdramaturg Martin Wigger sich das von Neuem fragt, verzieht er sich in die „Existentialisten-Ecke“ hinter seinem Schreibtisch. Die Frage, die dann in seinem Kopf kreist, ist immer dieselbe: „Was ist ein Dramaturg?“

Bei der Antwort hilft ihm der polnische Kritiker und Shakespeare-Kenner Jan Kott: Jan Kott war einmal für ein halbes Jahr Dramaturg am B., einem der „einst glanzvollsten Theater Europas“, und ist dort kläglich gescheitert (an der Frage, nicht an der Arbeit als Dramaturg – Arbeit gab es nämlich keine):

„Mein Arbeitszimmer – das des Hauptdramaturgen – befand sich in einem anderen Flügel, zu dem ebenfalls eine Extratreppe führte. Arbeitszimmer ist wohl ein viel zu bescheidener Ausdruck. Die Vorzimmertür war gepolstert – damit die dramaturgischen Geheimnisse nicht nach aussen dringen konnten – und führte in ein Appartement mit eigener kleiner Küche, Toilette und Anrichte mit Porzellanservice für vier Personen. Im Regal gab es einen Vorrat an Kaffee und Tee sowie eine Flasche Cognac. Im Arbeitszimmer standen vier Clubsessel und zwei Sofas. Auf dem riesigen Schreibtisch befanden sich zwei Telefone: ein schwarzes und ein weisses. Das weisse war tot, und es gab keinen Anschluss. Aber auch das schwarze blieb meistens stumm; niemand ausser meiner Frau rief mich an, aber auch das geschah selten. Und niemand besuchte mich, abgesehen vom Pförtner, der jeden Tag pünktlich um elf auf Uhr fünfunddreissig erschien, um mir Zeitungen zu bringen. Natürlich alle auf Deutsch. Ich legte sie in eine Ecke. Keiner holte sie ab, und bald entstand ein riesiger Papierberg. Doch weiterhin wollte niemand etwas von mir.“

Cognac trinkt Martin Wigger (soweit wir wissen) nicht regelmässig. Und in seinem Büro, in dem er nicht einsam vor sich hinstaubt, sondern die gute Gesellschaft von Dramaturgin Julie Paucker hat, stehen auch keine Ledersessel, sondern eine Couch. Diese therapeutische „Dramaturgen-Reservebank“ wird nicht nur rege besessen und belegen, auf ihr lässt es sich auch besonders gut nachsinnen über die Fragen der Existenz, und zwar nicht nur der eigenen. Das – genau das! – gehört schliesslich zum Job.

Das Berufsfeld Dramaturgie ist übrigens im Umbruch. Unter den Schüler-Rückmeldungen zur letzten „Graf Öderland“-Vorstellung gab’s ein schönes „Feedback zum Dramaturgisten“. Und in Clemens Sienknechts‘ neuem Stück „Söhne des Äthers“ am Schauspielhaus Köln heisst die Dramaturgie neuerdings Dramaturologie. Von da ist es nicht weit zur Dramatologik. Was auch immer das sein mag.

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Comments
2 Responses to “Die Dramaturgie auf der Couch”
  1. Petra Thöring sagt:

    Lieber Martin,
    ein „schöner“ Artikel … endlich auch mal ist das thema nicht zu ernst aufgegriffen. danke!

    kurz und knapp und trotzdem mit herz! herzelichste grüße aus dem herbstlichen berlin von petra

  2. cafemader sagt:

    Manchmal sagt man dem Dramaturgen auch: Du denkst zuviel! In die gleiche Kategorie fällt der Vorwurf: Lesen während der Arbeitszeit. Gehört von Intendanten, gehört von Hausmeistern. Der Dramaturg bleibt den meisten ein Rätsel.
    Jedenfalls beschrieb ein werter Kollege die 4 dramaturgischen Temperamente als zugewandt, angewandt, gewandt und abgewandt. Ich versuche es mal mit Dramaturgie-verwandt.

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