Enron ist Babylon

Enron ist Babylon: Ein Konzern, hoch aufgestiegen wie eine Sternschnuppe und tief gefallen wie sein Börsenkurs; eine Firma, auf deren Etagen Hybris, Habgier und Völlerei zum Destillat gerinnen. Es sind diese biblischen Sünden und grossen Menschheitsthemen, die Regisseurin Cilla Back an Lucy Prebbles Stück „Enron“ interessieren, und gerade darum wird es in ihrer Inszenierung keinen dokumentarischen Realismus mit Geldscheinen und blinkenden Aktienkursen geben, auch wenn der Text den  grössten Finanzskandal der amerikanischen Geschichte verhandelt. Sondern reinste Psychopathologie. O-Ton Cilla: „What I’m interested in: I take a person, I put her on the table – and I tear her up.“ Enron wird in Basel zur klinischen Parabel menschlicher Abgründe.

Enron ist auch Babel: Der Ort der kompletten Sprachverwirrung. Cilla Back ist nämlich Finnin, aufgewachsen im schwedischen Teil des Landes. Studiert und bisher am häufigsten inszeniert hat sie aber in Italien. Darum spricht sie fliessend Englisch und Italienisch, und „fliessend“ heisst bei ihr: Sie redet solange, bis jemand sie stoppt. Ihr Bühnenbildner hingegen, Francesco Calcagnini, spricht ausschliesslich Italienisch; im Theater Basel findet er sich dank seiner simultan übersetzenden Hospitantin Lydia zurecht. Probensprache ist Englisch, und das wiederum ist nicht ganz einfach für die Schauspieler, die in Ostdeutschland aufgewachsen sind. Es gibt zwar seltene Momente, in denen Cilla auch Deutsch redet – aber sie gibt sich grosse Mühe, sich nicht dabei ertappen zu lassen.

Gut, dass in „Enron“ die Körpersprache eine wichtige Rolle spielt. Die Regisseurin nimmt den „Ring“ wörtlich, inszeniert ihn aber nicht als Börse, sondern als Wrestling-Show. Das Problem: Im Grossraum Basel gibt es gerade mal einen einzigen professionellen Wrestler. Doch wir haben ihn: Marc Schultheiss war sofort begeistert von der Idee, eine kleine Muskel-Choreografie auf die Bühne zu stellen. Mit wem er aber wresteln sollte, blieb lange eine offene Frage, denn in Basel Bodybuilder-Statisten zu finden war schwieriger, als ein Zwergpony für „Jenseits von Eden“ aufzutreiben (und das war schwierig!). Den einzigen Wrestler, den Statisterie-Chefin Lotti Bürgler in ihrer Kartei hatte, war zwar eine Koryphäe auf seinem Gebiet, aber leider schon über 90 und nur noch im Besitz eines Beins. Vielleicht war es dann tatsächlich die Anwerbetour im Mini-Rock von Dramaturgieassistentin Ruth durch alle Fitness-Center der Stadt, die bei den Sportlern endlich die Liebe zum Theater zum Entflammen brachte.

Auch abgesehen von den Sprachen gestaltete sich die Enron-Probenkommunikation nicht einfach. Cilla Back mag es nämlich nicht, wenn ihr jemand beim Proben zuschaut. Darum verbannte sie den Rest der Crew inkl. Dramaturgin und Regieassistentin hinter einen eigenes auf der Probebühne installierten Paravent („You have to sit in the box“) ohne Sicht auf sie. In der Tat: Cilla Back ist eine schillernde Figur und wie gemacht dafür, als Bombe im Theater Basel zu explodieren. Charisma ist eine Untertreibung, besser trifft es das Wort Elektroschock. Oder Kurzschluss, je nachdem („I kill myself!“, so ihre Drohung noch vor Probenbeginn.) Auf jeden Fall steht das Wort „Energiekonzern“ nicht nur für das Unternehmen Enron, sondern auch für die Regisseurin, und man darf hoffen, dass die hochgewachsene Blondine ihre Drohung „I tear him up“ ausschliesslich auf der Bühne wahr macht.

Über alle Worte hinweg wird in „Enron“ aber am Ende die Sprache der Bewegung und der Bühne sprechen: Es ist die Sprache des Goldes und der Scheisse, der kleinsten Details und der perfekt choreografierten Emotionen aus den dunklen Tiefen der Menschheit.

„Enron“ von Lucy Prebble, Premiere heute, 10. Februar um 20:00h im Schauspielhaus!

Regie: Cilla Back. Bühne: Francesco Calcagnini. Mit: Dirk Glodde, Florian Müller-Morungen, Inga Eickemeier, Jörg Koslowsky, Bastian Heidenreich, Andrea Bettini, Carolin Schär & Carina Braunschmidt.

Fotos: Bühnenbildentwurf von Francesco Calcagnini (oben), Bühnenbild-Closeup (unten).

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